Projekt · Ratzeburg (D) · Teamarbeit

Ratzeburg zieht an einem Strang

Integriertes Stadtentwicklungskonzept (ISEK) für eine Stadt zwischen den Seen: von der Bestandsanalyse über die SWOT bis zu Leitbild, Handlungsfeldern und konkreten Massnahmen für drei Fokusräume.

Stadt-Land-Projekt · Bachelor Stadtplanung · Technische Hochschule Lübeck · 2025

Strategiekarte Gesamtraum Ratzeburg

14’552Einwohnerinnen und Einwohner (Stand 31.12.2023)

51 %der Wohngebäude sind Einfamilienhäuser

+1’300prognostizierter Bevölkerungszuwachs bis 2030

+700geschätzter zusätzlicher Wohnbedarf bis 2030

Projektüberblick

Eine integrierte Perspektive auf die Gesamtstadt

Ratzeburg steht vor den Herausforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft und begrenzter Flächen. Die Bevölkerung wächst und altert zugleich: 27,1 % der Einwohnerinnen und Einwohner sind über 65 Jahre alt, in 44 % der Haushalte lebt nur eine Person. Nachhaltige Mobilität, bedarfsgerechter Wohnraum, Klimaanpassung und starke soziale Strukturen sind deshalb zentrale Themen.

Das ISEK setzt nicht bei einzelnen Massnahmen an, sondern bei den räumlichen Zusammenhängen. Eine breit angelegte Bestandsanalyse untersucht Stadtgestalt, Wohnen, Mobilität, Freiraum, Klima, Wirtschaft, Versorgung sowie soziale und kulturelle Infrastruktur. Die Ergebnisse werden in Synthesekarten und einer SWOT zusammengeführt. Daraus entstehen ein Leitbild, fünf Handlungsfelder, vier Querschnittsthemen und Massnahmen für drei Fokusräume.

Der zentrale Gedanke: Ratzeburg soll neue räumliche und soziale Verbindungen knüpfen und seine drei Stadtteile – Insel, St. Georgsberg und Vorstadt – als zusammenhängenden Stadtraum weiterentwickeln.

01 · Bestandsanalyse

Räumliche Strukturen lesen, bevor Strategien entstehen

Die Bestandsanalyse ist stark kartografisch aufgebaut. Jede Analysekarte führt zu einer planerischen Aussage, die in die Strategie einfliesst.

Karte der Gebäudetypologien in Ratzeburg mit Anteilen
Typologien – Anteil der Gebäudetypen im Stadtgebiet.

Stadtstruktur & Wohnen

Vom historischen Inselkern zu lockeren Siedlungsrändern

Die Altstadtinsel bildet das dichte Zentrum. Von dort wuchs die Stadt nach Westen und Osten. In St. Georgsberg und der Vorstadt dominieren lockere Strukturen, Einfamilienhausgebiete prägen grosse Teile des Stadtgebiets.

Diese Struktur beeinflusst Flächenverbrauch, Erreichbarkeit und Wohnungsangebot. Der hohe Anteil flächenintensiver Wohnformen trifft auf wachsenden Wohnbedarf und eine alternde Bevölkerung.

Planerische Aussage: Bestand, Flächeneffizienz und bedarfsgerechte Wohnformen gemeinsam betrachten – nicht als getrennte Aufgaben.

Synthesekarte Stadtstruktur Ratzeburg
Synthesekarte Stadtstruktur: prägende Orte und öffentliche Räume.
Infografik Demografie, Haushalte und Mietpreise in Ratzeburg
Wohnen in Ratzeburg: Demografie, Haushaltsgrössen und Mietpreise.
Karte motorisierter Individualverkehr in Ratzeburg mit B208
Motorisierter Individualverkehr: Bundes-, Landes- und Kreisstrassen, Geschwindigkeiten, Querungen.

Mobilität & Verkehr

Die Insel ist Zentrum – und verkehrliches Nadelöhr

Die Lage zwischen den Seen macht die Verbindung der drei Stadtteile zur zentralen Mobilitätsaufgabe. Die B208 führt mitten durch das Zentrum und bündelt Durchgangs- und Binnenverkehr auf der Insel – mit Lärm und Belastungsspitzen direkt neben historischen Stadträumen.

Beim Fuss- und Radverkehr zeigt sich ein uneinheitliches Netz mit gut ausgebauten Abschnitten, geteilten Führungen und Lücken. Der ÖV hat mit Bahnhof, Stadt-, Regional- und Schulbussen eine gute Grundstruktur, aber Lücken in Rand- und Gewerbelagen.

Planerische Aussage: Verkehrsentlastung, Umweltverbund, Barrierefreiheit und Sharing-Angebote als zusammenhängendes Netz entwickeln.

Karte Rad- und Fussverkehr Ratzeburg
Rad- und Fussverkehr · Netz, Lücken, Engpässe
Karte öffentlicher Personennahverkehr Ratzeburg mit Haltestellenradien
Öffentlicher Verkehr · Bahnhof, Buslinien, Einzugsbereiche
Synthesekarte Mobilität: Potenziale und Defizite
Synthese Mobilität · Potenziale und Defizite
Karte Hitzeinseln und Versiegelung in Ratzeburg
Hitzeinseln und Versiegelung mit Frischluftschneisen über den See.

Freiraum & Klima

Wasser und Grün sind Identität, Ressource und Barriere zugleich

Seen, Uferbereiche, Parks und Schutzgebiete geben Ratzeburg eine aussergewöhnliche landschaftliche Qualität. Gleichzeitig trennen Wasserflächen, Bundesstrassen und Bahntrassen die Freiräume voneinander.

Die Klimaanalyse zeigt stark versiegelte Bereiche, vor allem auf der Altstadtinsel. Der See wirkt als Frischluft- und Abkühlungsraum – Freiraumplanung wird damit zum zentralen Baustein der Klimaanpassung.

Planerische Aussage: Grünraumvernetzung, Entsiegelung, Aufenthaltsqualität und Klimaanpassung in denselben Massnahmen zusammenführen.

Karte Freiraumvernetzung, Grenzen und Barrieren
Freiraumvernetzung, Grenzen und Barrieren.
Synthesekarte Freiraum und Klima
Synthese Freiraum und Klima.
Karte Strahlkraft bedeutender Unternehmen über Ratzeburg hinaus
Strahlkraft: über Ratzeburg hinaus bedeutende Unternehmen und Einrichtungen.

Wirtschaft & Versorgung

Starke Angebote – aber räumlich ungleich verteilt

Kliniken, Produktionsbetriebe, Verwaltung und Kultur haben teilweise regionale Bedeutung. Viele dieser Funktionen konzentrieren sich jedoch auf wenige Standorte; Kultur- und Begegnungsangebote liegen vor allem auf der Insel.

Für St. Georgsberg und die Vorstadt bedeutet das längere Wege und weniger niederschwellige Treffpunkte. Daseinsvorsorge ist damit nicht nur eine Frage der Anzahl, sondern der Verteilung und Erreichbarkeit.

Planerische Aussage: Zentrale Einrichtungen sichern und gleichzeitig wohnortnahe Versorgung und Treffpunkte in den äusseren Stadtteilen stärken.

Synthesekarte Wirtschaft und Versorgung mit Stärken und Schwächen
Synthese Wirtschaft und Versorgung.

Synthese · SWOT

Aus Einzelanalysen werden strategische Aufgaben

Die SWOT bildet die Schnittstelle zwischen Bestandsanalyse und Strategie. Sie zeigt, welche Qualitäten gesichert, welche Hemmnisse bearbeitet und welche Chancen genutzt werden sollen.

S

Stärken

  • Seenlage und direkter Zugang zum Wasser
  • Historischer Gebäudebestand
  • Starke Arbeitgeber und Medizinstandort
  • Nähe zu Hamburg und Lübeck
  • Wachsende Bevölkerung

W

Schwächen

  • Räumliche Dreiteilung
  • Durchgangsverkehr
  • Kaum Sharing-Angebote
  • Viele Einfamilienhäuser
  • Fehlende Begegnungsorte und Grünraumverbindungen

O

Chancen

  • Metropolregion Hamburg
  • Regionale Grünraumvernetzung
  • Wachsender Tourismus
  • Neue Wohnformen
  • Verknüpfte Mobilitätsangebote

T

Risiken

  • Klimawandel und Hitzeinseln
  • Steigende Baukosten
  • Fachkräftemangel
  • Demografischer Wandel
  • Hoher Wohnbedarf bei knappen Flächen

Daraus folgt das Grundprinzip des ISEK: nicht einzelne Probleme separat lösen, sondern Massnahmen so kombinieren, dass sie mehrere Handlungsfelder gleichzeitig stärken.

02 · Entwicklungsstrategie

Leitbild: Ratzeburg zieht an einem Strang

«Durch eine aktive Stadtgemeinschaft und das Knüpfen von neuen Verbindungen hin zu einer zukunftsorientierten Stadt.»

Das Leitbild verbindet physische Verbindungen – Wege, Achsen, Mobilitätsangebote und Grünräume – mit sozialen Verbindungen zwischen Menschen und Stadtteilen. Handlungsfelder und Querschnittsthemen werden wie Taue zu einem Knoten verknüpft: Jede Massnahme soll möglichst mehrere Ziele zugleich erfüllen und damit einen mehrfachen Nutzen stiften.

Grafik: Handlungsfelder und Querschnittsthemen werden zu einem Knoten verknüpft
Verknüpfung von Handlungsfeldern und Querschnittsthemen.

Fünf Handlungsfelder

Freiräume in Wert setzen

Zugänglichkeit verbessern, Freiräume qualifizieren und für unterschiedliche Gruppen nutzbar machen.

Mobilität fördern

Stadtteile verbinden, Umweltverbund stärken und barrierearme Angebote ausbauen.

Bedarfsgerechten Wohnraum schaffen

Rund 700 neue Wohnungen und Wohnformen für unterschiedliche Lebensphasen.

Stadträume qualifizieren

Identitätsorte, Treffpunkte und Umnutzungen als Impulse für lebendige Stadtteile.

Wirtschaft stärken

Arbeitsplätze sichern, Fachkräfte halten und den Tourismus am See weiterentwickeln.

Vier Querschnittsthemen

  • Wandel gestalten: Die alternde Bevölkerung in Wohnen, Versorgung und Freiraum mitdenken und zugleich jüngere Menschen anziehen.
  • Klima bedenken: Klimaschutz und Klimaanpassung in jedem Handlungsfeld priorisieren.
  • Flächen effizient nutzen: Knappe Flächen sorgfältig einsetzen und mehrere Nutzungen verbinden.
  • Stadt verbinden: Insel, St. Georgsberg und Vorstadt räumlich, funktional und sozial zusammenführen.
Matrix der Handlungsfelder und Querschnittsthemen
Handlungsfelder und Querschnittsthemen greifen ineinander.

03 · Fokusräume

Drei Stadtteile – drei räumlich differenzierte Strategien

Die gesamtstädtische Strategie wird in drei Fokusräumen konkretisiert. Jeder Stadtteil erhält Massnahmen, die auf seine Stärken und Defizite reagieren und zugleich zum gemeinsamen Leitbild beitragen.

01

St. Georgsberg – neue Verbindungen und neue Treffpunkte

Strategiekarte Fokusraum St. Georgsberg
Strategiekarte St. Georgsberg.

St. Georgsberg hat wenige kulturelle und soziale Treffpunkte, weil sich das Angebot bisher auf die Insel konzentriert. Ein neuer Aktivraum soll Treffpunkt für ganz Ratzeburg und die umliegenden Gemeinden werden.

Das Generationswohnen bietet eine Alternative zum Einfamilienhaus: Wer weniger Platz braucht, kann im Stadtteil bleiben – Familien finden frei werdende Häuser. Die Öffnung des Wasserwerksgeländes schafft eine direkte Verbindung am See, neue Busverbindungen und Mobilitätspunkte binden den Stadtteil besser an.

Generationswohnen · Kulturanlage Wasserwerk · Aktivwald · Sportzentrum · Mobilitätspunkte · Nahversorgung

Lageplan und Funktionsmischung Generationswohnen
Generationswohnen · Neuer Wohnraum für Jung und Alt, Schutz vor Vereinsamung.
Visualisierung Kulturanlage im ehemaligen Wasserwerk
Kulturanlage Wasserwerk · Bandräume und Ateliers, Weg am Wasser.
Lageplan Sportzentrum und Sportlerheim mit Skatepark
Sportzentrum & Sportlerheim · Öffnung, Skatepark und sozialer Treffpunkt.

02

Insel – bestehende Qualitäten verbinden, das Zentrum weiterentwickeln

Strategie- und Massnahmenkarte Fokusraum Insel
Strategie- und Massnahmenkarte Insel.

Die dicht bebaute Insel bietet wenig Platz für Neubau. Ziel ist deshalb, die bestehenden attraktiven Räume – Dominsel im Norden, Marktplatz, südlicher Inselrand – besser zu verbinden und neue Qualitäten dazwischen zu schaffen.

Herzstück ist das leerstehende Sparkassengebäude am Marktplatz: Es soll ein Ort für die ganze Stadtgemeinschaft werden, mit Versorgung, Kultur, Begegnung und medizinischer Infrastruktur. Eine gestaltete, begrünte Achse, belebte Erdgeschosse, barrierefreie Strassenräume, Radwege und Bike-Sharing ergänzen die Strategie.

Marktplatz · Nord-Süd-Achse · Sparkassengebäude · barrierefreier Strassenraum · Radverkehr · Sharing

Visualisierung des umgenutzten Sparkassengebäudes
Sparkassengebäude neu nutzen · Begegnung, Versorgung und Kultur im Zentrum.
Schnitt durch das umgenutzte Sparkassengebäude mit Nutzungen je Geschoss
Schnitt Sparkassengebäude · Nutzungen je Geschoss.
Pläne zum Radverkehr und zu barrierefreien Querungen in der Innenstadt
Radverkehr & barrierefreier Strassenraum · sichere Wege über die Insel, ebene Querungen.

03

Vorstadt – kompakt, vernetzt und naturnah weiterentwickeln

Strategiekarte Fokusraum Vorstadt
Strategiekarte Vorstadt.

Für die Vorstadt entsteht eine stärkere innere Mitte. Die Massnahmen konzentrieren sich um die bestehenden Versorgungsstrukturen am Viehmarkt und bilden einen klaren Stadtteilkern. Die Wegerschliessung des Kleinbahndamms schliesst einen Kreis um diese Mitte, Verkehrsachsen führen auf sie zu.

Ein grünes Band in Nord-Süd-Richtung verbindet die Freiräume. Leerstände werden umgenutzt, Treffpunkte geschaffen und geeignete Flächen für bedarfsgerechten Wohnungsbau aktiviert – gut und schnell mit der Insel verbunden.

Treffpunkt Viehmarkt · altersgerechtes Wohnen · Kleinbahndamm · Verkehrsberuhigung · Querung B208 · Neubaugebiete

Lageplan Treffpunkt am Viehmarkt
Treffpunkt am Viehmarkt · neues Zentrum der Vorstadt für alle Generationen.
Lageplan altersgerechtes Wohnen am Steindamm
Altersgerechtes Wohnen am Steindamm · selbstbestimmt leben nahe am Zentrum.
Plan und Querschnitt zur Verkehrsberuhigung Jäger- und Mechower Strasse
Verkehrsberuhigung · sichere Wege für Kinder und mehr Grün im Strassenraum.
Querschnitt und Plan einer sicheren Querung der B208
Querung der B208 · Lichtsignalanlage verbindet die Vorstadt mit den Nahversorgern.
Visualisierung Reihenhäuser im Neubaugebiet am Feld
Neubaugebiete am Feld · qualitative Wohnentwicklung für das wachsende Ratzeburg.

Strategiekarte Gesamtraum

Aus drei Fokusräumen wird eine gemeinsame Stadtstrategie

Die Strategiekarte führt Potenzialräume, Grünräume, Mobilitätspunkte, Verbindungen und Massnahmen mit besonderer Strahlkraft zusammen. Die Stadtteile übernehmen unterschiedliche Funktionen – ihre Wirkung entsteht aber erst durch die Verbindung untereinander.

Strategiekarte Gesamtraum Ratzeburg
Strategiekarte Gesamtraum Ratzeburg.

Kernaussage

Das Projekt zeigt den Weg von einer breiten räumlichen Analyse zu einer integrierten Strategie. Entscheidend ist die Verknüpfung der Themen: Mobilität beeinflusst Versorgung und Teilhabe, Freiraum wirkt auf Klima und Aufenthaltsqualität, Wohnraumentwicklung hängt von Flächen und Erreichbarkeit ab. So entstehen räumlich differenzierte Strategien, die auf ein gemeinsames Zielbild einzahlen.

Bestand lesen · Zusammenhänge analysieren · Themen synthetisieren · Handlungsfelder ableiten · Fokusräume definieren · Massnahmen entwickeln · Gesamtstädtisch verknüpfen

Das ISEK entstand als Teamarbeit im Stadt-Land-Projekt des Bachelorstudiums Stadtplanung an der Technischen Hochschule Lübeck (2025). Diese Seite fasst die rund 60-seitige Dokumentation zusammen; Karten und Abbildungen stammen aus der gemeinsamen Arbeit.

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