Projekt · Bern · Bachelorarbeit

Layer – Fuss- und Veloverkehr in baulichen Zwischenzuständen

Analyse, Bewertung und planerische Qualifizierung in Weyermannshaus West: Wie bleiben Wege während einer jahrelangen Arealentwicklung sicher, lesbar und alltagstauglich?

Bachelorarbeit · B.Sc. Stadtplanung · Technische Hochschule Lübeck · 2026

Titelblatt der Bachelorarbeit «Layer»: vier Ebenen des Areals Weyermannshaus West

68’000 m²Untersuchungsraum Weyermannshaus West

3räumliche Schwerpunkte mit unterschiedlichen Konfliktlogiken

4Bewertungskriterien: Sicherheit, Lesbarkeit, Attraktivität, Zielanschluss

5Prüffragen für eine übertragbare Planungslogik

Abstrakt

Zwischen Ist-Zustand und Zielbild liegt eine eigene Planungsaufgabe

Städtebauliche Entwicklungsgebiete entstehen selten in einem Schritt, sondern über lange Bau- und Transformationsphasen. Dabei überlagern sich bestehende Nutzungen, neue Gebäude, Baustellenflächen und die künftige Zielstruktur. Für den Fuss- und Veloverkehr sind solche Zwischenzustände besonders heikel, denn direkte, sichere und verständliche Wege sind die Voraussetzung dafür, dass ein Quartier im Alltag funktioniert.

Die Arbeit untersucht am Beispiel Weyermannshaus West in Bern, wie Fuss- und Veloverkehr während baulicher Zwischenzustände analysiert, bewertet und planerisch qualifiziert werden können. Grundlage ist eine qualitative räumliche Analyse des Ist-Zustands, der planerischen Zielstruktur und ausgewählter Entwicklungsphasen. Daraus entstehen drei räumliche Schwerpunkte: der Unterbruch einer Ost-West-Verbindung, ein Gebäudezugang im unfertigen Umfeld der künftigen Postgasse und eine Baustellenzufahrt an der Ziegelackerstrasse.

Bewertet wird nach Sicherheit, Lesbarkeit, Attraktivität und Zielanschluss. Das Ergebnis: Zwischenzustände lassen sich nicht allein als technische Bauphasen behandeln. Besonders kritisch sind Netzunterbrüche mit erheblichen Umwegen, während Gebäudeumfelder und Baustellenzufahrten nur unter klaren räumlichen und betrieblichen Voraussetzungen tragfähig bleiben. Daraus leitet die Arbeit Massnahmenprinzipien und eine Prüflogik ab.

Anlass

Ein Quartier, das jahrelang zugleich Baustelle ist

Masterpläne, Zielnetze und städtebauliche Konzepte zeigen, wie ein Quartier nach Abschluss der Entwicklung funktionieren soll. Weniger klar ist oft, wie Mobilität während der Bauphasen organisiert wird. Werden Verbindungen unterbrochen, Wege verengt, Zugänge an unfertige Aussenräume gelegt oder Baustellenzufahrten in genutzte Strassenräume integriert, leiden nicht nur Nutzbarkeit und Sicherheit, sondern auch die Akzeptanz des Gebiets.

Weyermannshaus West eignet sich als Untersuchungsraum, weil sich hier über viele Jahre Bauphasen, bestehende Mobilitätsbeziehungen, neue Nutzungen und künftige Zielstrukturen überlagern.

Fotos von Bestandssituationen im Areal Weyermannshaus West
Bestandssituationen im Areal Weyermannshaus West. Eigene Aufnahmen.

Forschungsfrage: Wie können bauliche Zwischenzustände in Weyermannshaus West hinsichtlich des Fuss- und Veloverkehrs analysiert, bewertet und planerisch so qualifiziert werden, dass sichere, lesbare und alltagstaugliche Verbindungen entstehen und zugleich der Bezug zum späteren Zielzustand erhalten bleibt?

Teilfrage 1

Welche mobilitätsbezogenen Problemlagen entstehen während der baulichen Entwicklung?

Teilfrage 2

Welche räumlichen Schwerpunkte eignen sich, um unterschiedliche Konflikttypen zu untersuchen?

Teilfrage 3

Wie lassen sich die Schwerpunkte nach Sicherheit, Lesbarkeit, Attraktivität und Zielanschluss bewerten?

Teilfrage 4

Welche Konflikttypen und Handlungsbedarfe lassen sich aus der Bewertung ableiten?

Teilfrage 5

Welche Massnahmenprinzipien und Prüfschritte ergeben sich daraus?

Methodik

Analyse, Bewertung und planerische Ableitung

Grundlage sind die Planungsunterlagen zur Arealentwicklung – Masterplan, Überbauungsordnung, Erläuterungs- und Raumplanungsbericht, Mobilitätskonzept sowie Netz- und Etappierungsunterlagen. Eine Ortsbegehung ergänzt die Pläne um Wegebeziehungen, Barrieren, Sichtbezüge, Zufahrten und Konfliktstellen vor Ort.

1

Kontext

Lage im Stadtraum, ESP Ausserholligen, heutige Mobilität und geplanter Zielzustand werden eingeordnet.

2

Analyse

Ist-Zustand, Soll-Referenz, Zielnetz und Schlüsselstände werden überlagert – daraus entstehen drei Schwerpunkte.

3

Bewertung

Eine qualitative Matrix bewertet die Schwerpunkte einzeln und im Vergleich. Sicherheit gilt als Mindestkriterium.

4

Ableitung

Konflikttypen, Handlungsbedarf, Massnahmenprinzipien und eine kompakte Prüflogik für vergleichbare Areale.

Kontext

Transformationsraum im Westen Berns

Schwarzplan Bern mit markiertem Areal Weyermannshaus West
Verortung von Weyermannshaus West im Stadtgefüge Berns. Eigene Darstellung.
Perimeter des Areals Weyermannshaus West
Perimeter Weyermannshaus West. Eigene Darstellung auf Grundlage des Stadtplans Bern.

Ein Areal zwischen Bahn, Gewerbe und Quartier

Weyermannshaus West liegt im Stadtteil VI zwischen Untermattweg, Stöckackerstrasse, Murtenstrasse und der Bahnlinie Bern–Neuenburg. Das Areal umfasst rund 68’000 m² und ist Teil des Entwicklungsschwerpunkts ESP Ausserholligen, eines der zentralen Transformationsräume im Westen Berns.

Historisch ist das Gebiet gewerblich-industriell geprägt. Heute bestimmen grosse Hallen, Parkierungsflächen, Anlieferung und Gleisanlagen das Bild. Künftig soll hier ein dichtes, nutzungsdurchmischtes und autoarmes Quartier entstehen – mit Wohnungen, Arbeitsplätzen und öffentlichen Freiräumen.

Mobilität im Bestand

Das Areal ist über den Bahnhof Stöckacker direkt an die S-Bahn angebunden, Europaplatz, Tram und Bus liegen in kurzer Distanz. Gleichzeitig ist die interne Struktur wenig durchlässig. Für den Fuss- und Veloverkehr entsteht eine ambivalente Ausgangslage: wichtige Anschlüsse sind vorhanden, ihre Qualität ist aber nicht überall gleichwertig.

Analyse · Ist-Zustand

Netzfunktion ist nicht gleich Ausstattungsqualität

Karte Ist-Zustand des Fuss- und Veloverkehrs im Umfeld von Weyermannshaus West
Ist-Zustand des Fuss- und Veloverkehrs im Umfeld von Weyermannshaus West. Eigene Darstellung.

Der Ist-Zustand zeigt, welche Fuss- und Veloverbindungen heute bestehen, über welche Strassenräume das Areal erschlossen wird und welche Bedingungen für spätere Zwischenzustände relevant werden.

Wichtig ist eine Unterscheidung: Eine Verbindung kann im Netz vorhanden sein und trotzdem qualitative Defizite haben. Sie ist dann nicht «fehlend», aber auch nicht automatisch als sichere und komfortable Ersatzführung für eine mehrjährige Bauphase geeignet.

Besonders sensibel sind die südliche Ost-West-Beziehung und die Ziegelackerstrasse. Diese ist Haupt-Anlieferungsstrasse und Erschliessung für Parkierung und Gewerbe – ein Trottoir ist wegen bestehender Vorfahrten und Rampen nur abschnittsweise möglich. Sie ist damit schon heute ein Mischverkehrsraum mit begrenzten Seitenräumen.

Die Soll-Referenz: fünf Anforderungen an einen Zwischenzustand

Sicherheit

Konflikte mit MIV, Baustellenverkehr, Anlieferung, Zufahrten und Engstellen vermeiden oder eindeutig regeln.

Lesbarkeit

Wegeführungen, Zugänge und Umleitungen sind räumlich nachvollziehbar, kontinuierlich und intuitiv.

Durchlässigkeit

Wichtige Verbindungen bleiben erhalten oder werden durch geeignete Ersatzführungen gesichert.

Alltagstauglichkeit

Wege bleiben zumutbar, möglichst direkt, barrierearm und für alle Nutzergruppen nutzbar.

Zielbezug

Zwischenzustände nehmen die spätere Netz- und Erschliessungslogik auf oder erschweren sie zumindest nicht.

Analyse · Zielnetz

Wohin sich das Netz entwickeln soll

Im Zielzustand wird das Areal deutlich durchlässiger: Ost-West- und Nord-Süd-Verbindungen, Dammstrasse, Postgasse und Weyergasse sowie Anschlüsse an Bahnhof, Europaplatz, Weyerli und angrenzende Quartiere bilden die spätere Netzlogik. Daraus entsteht der zentrale Spannungsbogen der Arbeit: Wie lässt sich während der Bauzeit genügend Mobilitätsqualität sichern, obwohl diese Struktur erst schrittweise entsteht?

Zielnetz Fussverkehr im Umfeld von Weyermannshaus West
Zielnetz Fussverkehr. Eigene Darstellung auf Grundlage des Richtplans Fussverkehr Stadt Bern und des Masterplans Weyermannshaus West.
Zielnetz Veloverkehr im Umfeld von Weyermannshaus West
Zielnetz Veloverkehr. Eigene Darstellung auf Grundlage des Masterplans Veloinfrastruktur Stadt Bern und des Masterplans Weyermannshaus West.

Schlüsselstände

Drei Entwicklungsphasen – drei Konfliktlogiken

Nicht jede Bauphase wird rekonstruiert. Ausgewählt werden die Zustände, in denen sich die Bedingungen für Fuss- und Veloverkehr grundlegend verändern: wenn eine Verbindung wegfällt, eine Nutzung bereits aktiviert wird oder Baustellenlogistik in einen funktionierenden Alltagsraum eingreift.

2028

Netzunterbruch

Frühe Bauphase. Die südliche Ost-West-Verbindung entfällt, Ersatzführungen werden nötig und die Durchlässigkeit des Areals verändert sich deutlich.

2034

Nutzung im unfertigen Umfeld

Mittlere Bauphase. Bereits genutzte Gebäude treffen auf unfertige Strassen- und Freiräume. Adressbildung und Alltagstauglichkeit werden zur Planungsaufgabe.

2037

Baustellenverkehr im Alltagsraum

Späte Bauphase. Grosse Teile des Quartiers funktionieren, verbleibende Bautätigkeit greift aber weiter in genutzte Erschliessungsräume ein.

Drei räumliche Schwerpunkte

Netzfunktion sichern · Adressraum nutzbar machen · Baustellenschnittstelle kontrollieren

S1

Unterbruch der südlichen Ost-West-Verbindung

Kritisch (−)

Schwerpunkt S1: Unterbruch der Ost-West-Verbindung am südlichen Arealrand
Schwerpunkt S1 – Unterbruch der Ost-West-Verbindung. Eigene Darstellung.

In der frühen Bauphase entfällt die direkte Fuss- und Veloverbindung entlang der Gleise am südlichen Arealrand. Damit geht eine Ost-West-Beziehung verloren, die für Durchlässigkeit und Orientierung wichtig ist. Im Endzustand übernimmt die Dammstrasse diese Funktion.

Die heutige Verbindung misst rund 173 m. Die untersuchten Ersatzrouten verlängern den Weg auf etwa 242 m, 453 m oder 763 m – und weisen teilweise Defizite in Fussverkehrsinfrastruktur, Direktheit und Verständlichkeit auf. Gleichzeitig nehmen sie die spätere Netzlogik nur unzureichend auf.

173 mheutige Direktverbindung

242 mkürzeste Ersatzroute

453 mweitere Ersatzroute

763 mlängste Ersatzroute

Mögliche Führung eines Fuss- und Veloprovisoriums entlang des Baufelds S1
Mögliche Führung eines qualifizierten Fuss- und Veloprovisoriums entlang des Baufelds S1. Eigene Darstellung.

Irgendeine Umleitung genügt nicht

S1 zeigt den schwerwiegendsten Konflikttyp: Wird eine Netzfunktion vollständig unterbrochen, kommt es darauf an, ob eine tatsächlich gleichwertige Ersatzführung entsteht. Für den Fussverkehr wiegen Umwege und fehlende Gehbereiche besonders schwer; beim Veloverkehr kann eine längere Route eher akzeptabel sein, wenn sie kontinuierlich, sicher und gut befahrbar bleibt.

Handlungsbedarf: Direktverbindung möglichst erhalten oder als qualifiziertes Provisorium führen – mit getrennter Fuss- und Veloführung, Sicherheitsstreifen zum Baufeld und räumlicher Fassung durch frühzeitig hergestellten Grünraum beziehungsweise Böschung.

S2

Gebäudezugang im unfertigen Umfeld der künftigen Postgasse

Eingeschränkt tragfähig (○)

Schwerpunkt S2: Gebäudezugang an der künftigen Postgasse
Schwerpunkt S2 – Gebäudezugang an der Postgasse. Eigene Darstellung.

Das Gebäude A1 ist bereits in Nutzung, während angrenzende Freiräume, Baufelder und Teile der späteren Postgasse noch nicht fertig sind. Hier wird keine übergeordnete Verbindung unterbrochen – die Frage ist, ob ein genutztes Gebäude in einem unfertigen Umfeld alltagstauglich funktioniert.

Der Zugang muss als klarer Adressraum erkennbar sein und darf nicht zwischen Baustellenkante, Restfläche und provisorischer Führung liegen. Nötig sind hindernisfreie Fusswege, eine erkennbare Vorzone, nutzbare Velostellplätze, gesicherte Feuerwehrflächen und eine nachvollziehbare Anbindung an die Velohauptroute.

Lageplan S2 mit priorisiert fertigzustellendem Gebäudeumfeld, Veloturm und Velohauptroute
Schwerpunkt S2 – priorisierte Fertigstellung des Gebäudeumfelds an der Postgasse. Eigene Darstellung.

Handlungsbedarf: Nicht nur den Eingang freihalten, sondern einen zusammenhängenden, nutzbaren Gebäudeumgriff herstellen – mit Sicherheitsabstand zu den Baufeldern sowie Begrünung und räumlicher Fassung für Orientierung und Aufenthaltsqualität. Inbetriebnahme und Freiraumherstellung müssen gemeinsam geplant werden.

S3

Baustellenzufahrt an der Ziegelackerstrasse

Eingeschränkt tragfähig (○)

Schwerpunkt S3: Baustellenzufahrt an der Ziegelackerstrasse in einer späten Bauphase
Schwerpunkt S3 – Baustellenzufahrt an der Ziegelackerstrasse. Eigene Darstellung.

In einer späten Bauphase funktionieren grosse Teile des Areals bereits. Die Baustellenzufahrt trifft auf einen Strassenraum, der gleichzeitig Fuss- und Veloverkehr, MIV, Parkierung und Anlieferung aufnehmen muss – bei einer Fahrbahnbreite von nur rund 6 m.

Die zentrale Frage ist nicht, ob ein Lastwagen geometrisch einfahren kann, sondern ob die Bewegung sichtbar, vorhersehbar und konfliktarm organisiert wird. Dafür müssen Schleppkurven, Sichtfelder, eine sichtfreie Wartetiefe von 3 m, Sicherheitsabstände und Freihaltezonen gesichert werden.

Lageplan der Baustellenzufahrt mit Schleppkurve und sichtfreier Wartetiefe
Lageplan mit Schleppkurve, Sichtfeldern und sichtfreier Wartetiefe. Eigene Darstellung.
Querschnitt der Ziegelackerstrasse im Bereich der Baustellenzufahrt
Querschnitt der Ziegelackerstrasse im Bereich der Baustellenzufahrt. Eigene Darstellung.

Handlungsbedarf: Sichtfelder und Schleppkurven freihalten, betroffene Parkierung temporär aufheben, Fuss- und Veloverkehr eindeutig führen und Lastwagen bei Bedarf einweisen. Eine Lichtsignalanlage ist erst zu prüfen, wenn räumliche und betriebliche Sicherung nicht ausreichen.

Bewertung

Bewertet wird die planerische Qualität, nicht die bautechnische Machbarkeit

Die Soll-Referenz wird zu vier Kriterien verdichtet: Sicherheit, Lesbarkeit, Attraktivität und Zielanschluss. Sicherheit ist dabei Mindestanforderung – sicherheitsrelevante Defizite lassen sich nicht durch Zielnähe oder gestalterische Qualität ausgleichen.

Die Bewertung ist bewusst qualitativ. Zwischenzustände hängen nicht nur von messbaren Grössen wie Weglänge oder Breite ab, sondern auch von Übersichtlichkeit, subjektiver Sicherheit, Orientierung und räumlichem Zusammenhang. Die Matrix macht diese Abwägung transparent, ohne eine scheinpräzise Punktebewertung zu erzeugen.

Drei Bewertungsstufen: tragfähig, eingeschränkt tragfähig, kritisch
Bewertungsstufen der qualitativen Bewertung. Eigene Darstellung.
Vergleichende Bewertungsmatrix der Schwerpunkte S1 bis S3
Vergleichende Bewertungsmatrix der Schwerpunkte S1–S3. Eigene Darstellung.

Drei Situationen – drei planerische Aufgaben

Die Gesamtbewertung allein bestimmt den Handlungsbedarf nicht. Entscheidend ist, welche räumliche Funktion betroffen ist:

  • S1 – kritisch: Die Netzfunktion ist betroffen. Ein qualifiziertes Provisorium oder eine tatsächlich gleichwertige Ersatzführung ist nötig.
  • S2 – eingeschränkt tragfähig: Ein genutzter Adressraum muss stabilisiert werden – das Gebäudeumfeld prioritär und endzustandsnah fertigstellen.
  • S3 – eingeschränkt tragfähig: Eine punktuelle Schnittstelle muss kontrolliert werden – Sichtfelder, Schleppkurven, Freihaltezonen und Betrieb sichern.

Kernprinzip

Nicht erst reagieren, wenn die Baustelle den Weg unterbricht

Es gibt keine Standardmassnahme für alle Zwischenzustände. Gemeinsam ist den Fällen aber ein Grundgedanke: Fuss- und Veloverkehr müssen schon in Etappierung, Baustellenlogistik und Freiraumplanung mitgedacht werden. Temporäre Lösungen brauchen eine eigene räumliche Qualität und dürfen nicht aus den Restflächen entstehen, die nach der Baustellenorganisation übrig bleiben.

Sechs Massnahmenprinzipien

01

Netzfunktionen möglichst erhalten

Vor einer Sperrung prüfen, ob eine Verbindung reduziert oder verschoben erhalten werden kann. Eine Umleitung genügt nur, wenn sie direkt, sicher, verständlich und zumutbar ist.

02

Provisorien zielbildnah ausbilden

Temporäre Wege als geordnete Räume planen: klar geführt, hindernisarm, ausreichend breit und an der späteren Raumlogik orientiert.

03

Gebäudeumfelder prioritär fertigstellen

Mit der Inbetriebnahme müssen Vorzonen und Nebenflächen für Alltag, Orientierung, Sicherheit und Erschliessung funktionieren.

04

Baustellenzufahrten als Schnittstellen planen

Sichtfelder, Schleppkurven, Wartebereiche, Freihaltezonen und Sicherheitsabstände frühzeitig nachweisen und bei Bedarf betrieblich sichern.

05

Orientierung und Lesbarkeit sichern

Klare Kanten, eindeutige Wege, wiedererkennbare Materialien und sichtbare Zielpunkte. Signalisation ergänzt diese Ordnung, ersetzt sie aber nicht.

06

Zwischenzustände stabilisieren

Je länger eine Phase dauert, desto höher die Anforderungen an Belag, Beleuchtung, Pflege und regelmässige Überprüfung.

Prüflogik

Fünf Fragen für jeden Zwischenzustand

Die Prüflogik überführt die Erkenntnisse in eine übertragbare Struktur. Sie ersetzt keine technische Bauphasenplanung, macht Fuss- und Veloverkehr aber früh als eigenständige Anforderung sichtbar.

01 · Netz

Welche Verbindung ist betroffen?

Welche Netzfunktion muss erhalten bleiben – und ist die Ersatzroute wirklich gleichwertig?

02 · Nutzung

Was wird bereits aktiviert?

Welche Gebäude, Freiräume oder Angebote sind in Betrieb und welche Teilräume müssen dafür funktionieren?

03 · Baustelle

Wo entstehen Schnittstellen?

Wo kreuzen Zufahrten oder Logistik Fuss- und Velobeziehungen, und welche Sicherheitsräume braucht es?

04 · Lesbarkeit

Ist die Führung verständlich?

Sind Entscheidungspunkte klar, und stimmen Signalisation, Markierung und räumliche Führung überein?

05 · Dauer

Wie lange besteht der Zustand?

Je länger die Phase, desto robuster müssen Belag, Breite, Beleuchtung und Pflege sein.

Fazit

Die Qualität eines Transformationsgebiets beginnt nicht erst mit dem Endzustand.

Bauliche Zwischenzustände sind eine eigenständige planerische Ebene zwischen Bestand und Zielbild. Sie prägen über Jahre die tatsächliche Nutzbarkeit eines Quartiers und müssen deshalb als eigene Mobilitätszustände geplant werden. Für Fuss- und Veloverkehr reicht es nicht, Wege formal offen zu halten: Entscheidend ist, ob Verbindungen direkt, sicher, lesbar und alltagstauglich bleiben.

Damit verschiebt sich der Blick von der Frage «Ist der Weg offen?» hin zur Frage «Funktioniert dieser Raum während der Bauphase tatsächlich als Teil des Alltags?»

Verbindung sichern · Nutzung einbetten · Baustellenschnittstelle kontrollieren

Methodischer Wert

Plananalyse, Zielnetzbetrachtung, Ortsbegehung und qualitative Bewertung ergeben eine räumlich konkrete Betrachtung, ohne Zwischenzustände auf technische Baustellenfragen zu reduzieren. Zuerst wird geklärt, welche Funktion ein Zwischenzustand erfüllen muss – erst daraus werden Massnahmen abgeleitet.

Grenzen und Ausblick

Die Arbeit ersetzt keine technische Bauphasenplanung, Verkehrssicherheitsprüfung oder Ausführungsplanung. Breiten, Sichtweiten und Schleppkurven sind später technisch nachzuweisen. Übertragbar ist vor allem die Prüflogik – sie kann zu einer Arbeitshilfe für Planende, Bauherrschaften und Behörden weiterentwickelt werden.

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